DIE ZEIT Nr. 12 11. März 2004

Schreiben Sie. Bitte!

Ein Rat für Unentschlossene (Auszug)

Hallo? Sind Sie vielleicht Pensionist? Derzeit nicht berufstätiger Berufstätiger? Langzeitstudent? Ideal! Dann sind Sie schließlich schon längst auf eine eigene Perspektive angewiesen. Ganz nach der Devise: Meine Zukunft gehört mir. Sie sind wer, und Sie haben Zeit. Aus beidem sollten Sie etwas machen. Und natürlich ein Buch, was sonst?
Sie trauen sich das nicht zu? Aber, aber. Warum sollten gerade Sie nicht begabt sein? Denken Sie an Ihre Deutschaufsätze. Ihre Tagebücher. Die Liebesbriefe. Na also. Im Übrigen kann man sich auch helfen lassen. Es muss nicht gleich jemand von der Bild-Zeitung sein, das können Sie sich sowieso nicht leisten, und so richtig prominent sind Sie schließlich nicht. Noch nicht. Soll ja erst werden.
Muss aber auch nicht sein: Da gibt es doch ganz andere Möglichkeiten. Oder ist Ihnen nicht auch schon seit einiger Zeit aufgefallen, dass immer mehr neue Autorinnen und Autoren auf den Plan treten, die vorher eine so genannte Schreibschule absolviert haben? School of Writing oder, wie man da so sagt, Häschenschule. Da lernen Sie vielleicht nicht, wie's geht, aber jedenfalls, wie's nicht geht. Ist auch schon was.
Nein, Namen wollen wir hier lieber keine nennen, die Damen und Herren haben das nicht so gern. Auch die Adressen der diversen Institute holen Sie sich besser aus dem Internet. Die Zeiten, da so etwas ehrenrührig war, das können wir versichern, sind jedenfalls längst vorüber. Im Gegenteil: Vielleicht ist der Nachweis eines Schreibkurses längst Vorbedingung für den ersten Verlagsvertrag, und bloß Sie haben das noch nicht gemerkt. Wehe, Sie verschlafen da etwas.(...)
Die deutsche Literatur braucht neue Autoren, dringend, verstehen Sie? (...)
Sie trauen sich immer noch nicht? Was ist los mit Ihnen? Wollen Sie denn ewig Leser bleiben??

JOCHEN JUNG