Literaturen1/2 II 2003
In-der-Welt-zuhause-Sein
Kann man den Stand der deutschsprachigen Gegenwartslyrik erfassen und beschreiben?
Ein Selbstversuch
Statistisch gesehen ist der typische Autor, der heute Gedichte in deutscher
Sprache veröffentlicht, eher eine Autorin ... Wie auch immer, ich wollte
einfach wissen, ob man so etwas wie den "Stand" der deutschsprachigen
Lyrik in einem laufenden Jahr erfassen und beschreiben kann. Mit anderen Worten:
ich wollte herausfinden, ob es Konvergenzen oder sogar mehr oder weniger bewusste
Tendenzen in der Produktion der Lyriker unserer Gegenwart gibt; Konvergenzen
und Tendenzen, die sich aus der mehrfachen Distanz eines an der amerikanischen
Westküste angestellten Literaturwissenschaftlers identifizieren ließen;
eines Literaturwissenschaftlers, der weder Anlass noch Ehrgeiz hat, sich für
besonders vertraut mit der gegenwärtigen Lyrik zu halten - und der schon
gar nicht irgendeine "literarische Szene" in Europa von innen kennt.
Ich darf also nicht im Namen irgendeines guten literarischen Geschmacks und
wohl auch nicht (trotz meines Objektivitätswinkels) im Namen der "Wissenschaft"
diese kleinen Bücher beschreiben. Ans Herz gewachsen sind sie mir schon
allein deswegen, weil sie so viel mit mir unterwegs waren.
In hölzernen Staccato der Zeilenbrüche
Beim ersten Durchblättern kann man sie fast alle durch ihr Layout als
"Lyrik" erkennen. Aber der scheinbar so sichere Eindruck täuscht,
weil nur eine verschwindend kleine Zahl der Texte in kanonischen Vers-, Reim-
und Strophenformen geschrieben sind. Das bedeutet, dass man die meisten Gedichte
in Prosaform umschreiben könnte, ohne dass solche Prosa auf den ersten
Blick irgendwie auffällig aussähe. Was fangen Autoren aber dann
mit den spezifisch lyrischen Textformen an, die sie - offenbar ohne zwingende
Gründe - beibehalten? Die wichtigste Antwort heißt, dass diese
Formen in unendlich verschiedenen Funktionen des Zeilenbruchs eingesetzt werden:
Man benutzt das Layout der Lyrik, um durch den jeweiligen Sprung vom einen
zum nächsten Vers eine verfremdete Perspektive zu werfen auf den gängigen
Satzbau, auf die in der deutschen Sprache so produktiv zusammengesetzten Wörter(...)
und auf die allem Schreiben unterliegenden Rhythmen des Sprechens. ... Noch
einmal, nun mit Begriffen aus der Literaturhistorie formuliert: die meisten
deutschen Gedichte des vergangenen Jahres bringen Rhythmen hervor, die so
"frei" sind und sich so beständig von Vers zu Vers verändern,
dass man sie, wie schon gesagt, fast ohne Verlust auch als Prosagedichte drucken
könnte. Formengeschichtlich bedeutet das, dass die deutsche Lyrik bis
heute eine Öffnung der poetischen Form vollzieht, wie sie sich in Europa
zwischen der Mitte des 19. und dem frühen 20. Jahrhundert durchgesetzt
hatte - und seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in einigen europäischen
Literaturen (weniger in der deutschen) durch die Rückkehr zu weniger
"freien" Formen wenigstens teilweise neutralisiert worden war.
Natürlich gibt es auch die Faszination der strikten Formtraditionen -
vornehmlich anscheinend bei älteren Dichtern: Oskar Pastior zum Beispiel
ist ein Meister kompliziertester Metren und Reime, deren Virtuosität
es durchaus mit den Experimenten Dadas und der historischen Surrealisten aufnehmen
kann; Günter Kunert schreibt Gedichte mit solcher Leichtigkeit in den
klassischen Formen, dass man diese meist erst beim lauten Lesen entdeckt.
Trotz solcher Ausnahmen dominiert aber in der Lyrik des vergangenen Jahres
das manchmal doch etwas hölzerne Staccato der Zeilenbrüche im freien
Vers. ...Die imaginäre Mitte der auf die Raum-Dimension konzentrierten
deutschen Lyrik besetzen aber ohne jeden Zweifel Szenen des beschaulichen
Lebens in einem Haus, das in der namenlosen Provinz steht: ...
HANS ULRICH GUMBRECHT