Wir schwimmen leise
in den versunkenen
Städten der Toten
am Grund -
gleiten durch Gärten
aus blühendem Tang
in verwaschene Winkel
und knotige Mauern,
netzen das gefilterte
Licht
und steigen gereinigt
und zitternd
vor Herzschmerz
an Land

Dorothee Lütkoff

Obgleich dieses Gedicht in Hinblick auf die sprachliche Gestaltung eine Nähe zur Prosa aufweist, sind die Bilder von hinreißender poetischer Kraft. Der Leser wird auf magische Weise zu einer Reise verführt, die eine kathartische Wirkung hat. Er wird am Ende zustimmen.

W.B.

PING
PONG

Wörter fließen
rein und raus
Blicke ziehen
an und aus
Lippen formen
ah und oh
Augen morsen
stop and go

Brigitte Schulze


Dieses Gedicht weist eine bemerkenswerte, kaum noch zu steigernde Dichte auf, ohne an Sinnlichkeit einzubüßen. Es lebt zudem vom Rhythmus, der von der Geschichte vorgegeben ist und der sprachlich ausgezeichnet gestaltet wurde. Weiter so!

W.B.

Brandung rollt
spiegelnde Wasser
gen Beton
schwarzes Eichenlaub
steht gen
blutroten Himmel
sitzt uns
der Vollmond im Nacken
gen Mitternacht

Stephan Bernhardt

Hier offenbart sich eine besondere Sicht des lyrischen Subjekts. Mit expressiver Sprache wird eine Situation neu interpretiert, die sonst häufig für romantische Deutungen herhalten muss. Dieser Text erschafft eine bekannte Realität neu, und zwar poetisch kraftvoll.

W.B.

Bemerkenswerte Arbeiten von Teilnehmern
Freund

Mein Freund
Ist das Brot des Tages
Das Oberbett in der Nacht
Die Kleider die ich trage
Der die Einsamkeit
Und die Liebe gebracht
ICH


Heidrun-Auro Brenjo

Das Bemerkenswerte an diesem Text ist, dass die Autorin sich selbst zu einem guten Freund erklärt, was für viele Lyriker nicht unbedingt selbstverständlich ist, denn ein großer Teil aller Lyrik (und aller Kunst schlechthin) resultiert aus einem Mangel, einer Deformation etc.
C.M. M.
ergebenst

bin klein und äschern
der staub hier?
ja, mein herr
aber natürlich
sofort

wiener bücklingwedelnd
flausen weg
streich falten glatt
mit lächeln
halt auch gern die luft an
wenn sie dünn ist
zu diensten, mein herr
aber natürlich

welch erhaben gefühl
euch, herr
von den augen
befehle zu lesen
von der weste
krumen zu lesen
von früh bis spät
hinter euch
herzuwesen
stets
euer wesen
stets
wesen stets dienstlich
ergeblich
vergebenst
o herr

mein dank!

Anna Huber

Die eindrucksvolle Bildhaftigkeit wird auf besondere Weise durch ungewöhnliche Wortkompositionen beflügelt und verleiht dem Text zudem eine starke Dramatik. Der Rhythmus entwickelt eine enorme Zugkraft. Ein ganz großer Vorzug nicht nur dieses Textes von Anna Huber ist ihre schlüssige kritische und nicht selten auch provokante Aussage.

W.B.

Hunde bellen

Hunde bellen
strecken ihre Pfoten
aus üppig wucherndem Gebüsch
spreizen ihre spitzen Hühnerkrallen
jagen durch den Auwald
klettern auf die Bäume
als ob dort oben
jemand säße
spielende Mädchen
und ich bin barfuss
ob ich keine Schuhe habe, ich weiß es nicht.

Thomas Steiner

Das Gedicht erzählt eine sinnfällige Geschichte mit einer ungewöhnlichen Wendung die wie ein Tagtraum anmutet. Die Bilder sind kraftvoll und sprachlich ausgewogen formuliert, zudem bietet die Metapher "keine Schuhe" dem Leser einigen Interpretationsraum.

C.M. M.

Wer Geld braucht sollte nicht dichten,
doch zum Dichten braucht man kein Geld.

 

Wenn du mir fehlst, entfernst du dich.
Bin ich mir selbst genug, bist du mir nah.

 

Winters erwarten die Boote den Frühling,
im Sommer segeln sie Richtung Herbst.

Anna Jacobsen

MELDUNG

Ich marschiere nicht
Ich demonstriere nicht
Kein Schweigen ich stör
Zur schweigenden Mehrheit ich gehör

In bequemer Lage ich mich wiege
Langgestreckt auf dem Sofa ich liege
Ich hör die Nachricht - was ist passiert
Der Reporter spricht sachlich distanziert

Ein ferner Krieg über die Mattscheibe flimmert
Kein verletztes Kind aus dem Lautsprecher wimmert
Die Bilder ausgewählt und clean
als wäre es ein Reisebericht aus Wien

Ich schau - vom Himmel die Bomben fallen
Ich hör kein Klagen vor Pein und Qualen
Aus dem Körbchen die Katze schnurrt
Laut und kräftig mein Magen knurrt

Krieg - keine Todesangst ich spüre
und keine Trauergedanken ich führe
Auf dem Sofa ich behaglich gähne
im Wohnzimmer den Fall nicht erwähne

Meine Frau deckt den Tisch
Es riecht nach gebratenem Fisch
So ist der Krieg erträglich
Langweilen tu ich mich unsäglich

Ich marschiere nicht
Ich demonstriere nicht
Kein Schweigen ich stör
Zur schweigenden Mehrheit ich gehör


Karl-Heinz Rölke