Dorothee
Lütkoff
Obgleich dieses Gedicht in Hinblick auf die sprachliche Gestaltung eine Nähe zur Prosa aufweist, sind die Bilder von hinreißender poetischer Kraft. Der Leser wird auf magische Weise zu einer Reise verführt, die eine kathartische Wirkung hat. Er wird am Ende zustimmen.
W.B.
Wörter fließen
rein und raus
Blicke ziehen
an und aus
Lippen formen
ah und oh
Augen morsen
stop and go
Brigitte Schulze
Dieses Gedicht weist eine bemerkenswerte, kaum noch zu steigernde Dichte auf, ohne an Sinnlichkeit einzubüßen. Es lebt zudem vom Rhythmus, der von der Geschichte vorgegeben ist und der sprachlich ausgezeichnet gestaltet wurde. Weiter so!
W.B.
Stephan
Bernhardt
Hier offenbart sich eine besondere Sicht des lyrischen Subjekts. Mit expressiver Sprache wird eine Situation neu interpretiert, die sonst häufig für romantische Deutungen herhalten muss. Dieser Text erschafft eine bekannte Realität neu, und zwar poetisch kraftvoll.
W.B.
Mein Freund
Ist das Brot des Tages
Das Oberbett in der Nacht
Die Kleider die ich trage
Der die Einsamkeit
Und die Liebe gebracht
ICH
Heidrun-Auro Brenjo
bin klein und äschern
der staub hier?
ja, mein herr
aber natürlich
sofort
wiener bücklingwedelnd
flausen
weg
streich falten glatt
mit lächeln
halt auch gern die luft
an
wenn sie dünn ist
zu diensten, mein herr
aber natürlich
welch
erhaben gefühl
euch, herr
von den augen
befehle zu lesen
von der weste
krumen zu lesen
von früh bis spät
hinter euch
herzuwesen
stets
euer wesen
stets
wesen stets dienstlich
ergeblich
vergebenst
o herr
mein dank!
Anna
Huber
Die eindrucksvolle Bildhaftigkeit wird auf besondere Weise durch ungewöhnliche Wortkompositionen beflügelt und verleiht dem Text zudem eine starke Dramatik. Der Rhythmus entwickelt eine enorme Zugkraft. Ein ganz großer Vorzug nicht nur dieses Textes von Anna Huber ist ihre schlüssige kritische und nicht selten auch provokante Aussage.
W.B.
Hunde
bellen
strecken ihre Pfoten
aus üppig wucherndem Gebüsch
spreizen ihre spitzen Hühnerkrallen
jagen durch den Auwald
klettern
auf die Bäume
als ob dort oben
jemand säße
spielende
Mädchen
und ich bin barfuss
ob ich keine Schuhe habe, ich weiß
es nicht.
Thomas Steiner
Das Gedicht erzählt eine sinnfällige Geschichte mit einer ungewöhnlichen Wendung die wie ein Tagtraum anmutet. Die Bilder sind kraftvoll und sprachlich ausgewogen formuliert, zudem bietet die Metapher "keine Schuhe" dem Leser einigen Interpretationsraum.
C.M. M.
Wer Geld braucht sollte
nicht dichten,
doch zum Dichten braucht man kein Geld.
Wenn du mir fehlst,
entfernst du dich.
Bin ich mir selbst genug, bist du mir nah.
Winters
erwarten die Boote den Frühling,
im Sommer segeln sie Richtung Herbst.
Anna
Jacobsen
Ich
marschiere nicht
Ich demonstriere nicht
Kein Schweigen ich stör
Zur
schweigenden Mehrheit ich gehör
In
bequemer Lage ich mich wiege
Langgestreckt auf dem Sofa ich liege
Ich hör
die Nachricht - was ist passiert
Der Reporter spricht sachlich distanziert
Ein
ferner Krieg über die Mattscheibe flimmert
Kein verletztes Kind aus dem
Lautsprecher wimmert
Die Bilder ausgewählt und clean
als wäre
es ein Reisebericht aus Wien
Ich
schau - vom Himmel die Bomben fallen
Ich hör kein Klagen vor Pein und
Qualen
Aus dem Körbchen die Katze schnurrt
Laut und kräftig mein
Magen knurrt
Krieg
- keine Todesangst ich spüre
und keine Trauergedanken ich führe
Auf
dem Sofa ich behaglich gähne
im Wohnzimmer den Fall nicht erwähne
Meine
Frau deckt den Tisch
Es riecht nach gebratenem Fisch
So ist der Krieg erträglich
Langweilen
tu ich mich unsäglich
Ich
marschiere nicht
Ich demonstriere nicht
Kein Schweigen ich stör
Zur
schweigenden Mehrheit ich gehör
Karl-Heinz
Rölke